Präsentationen der Abschlussklassen

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Edda Wilde über Künstler und Arbeiten


Zeit ist die stille Begleiterin unseres Seins. Wenn Zeit einerseits ein alltäglich wohl bekanntes und viel benutztes Wort ist, so ist sie andererseits ein Begriff, der in seiner Breite und Komplexität kaum einzufangen ist. Wir sprechen von unterschiedlichen Zeitbegriffen, wie beispielsweise von einem physikalischen Zeitbegriff, der ein objektives, messbares Verständnis von Zeit im Auge hat. Ihm entgegen halten wir die subjektive Zeit, also ein Zeitempfinden, das von der objektiv gemessenen Zeit sehr abweichen kann. Die Entschleunigung der Zeit eines gelangweilten Kindes oder die beschleunigte Zeit Erwachsener in kapitalistischen Gesellschaften, die stets klagen, keine Zeit zu haben, sind nur zwei Beispiele dafür. Auch wie die ‚Richtung’, das Voranschreiten der Zeit, zu bestimmen ist, ist relativ. Ein lineares Zeitverständnis, urban, modern, mit Glauben an einen steten Fortschritt unterscheidet sich von einem zyklischen Zeitverständnis, angelehnt an den Rhythmus der Natur, das die Wiederholung von Werden – Sein – Vergehen im Zentrum hat. Zeit unterteilt sich in Intervalle, in Sekunden, Minuten, Stunden, in Tage, Wochen, Monate, Jahre. Auch das Leben ist ein zeitliches Intervall. Für das eigene Leben, das sich zwischen den beiden zeitlichen Grenzpunkten Geburt und Tod bewegt, sind die drei Ekstasen der Zeit, also Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von besonderer Relevanz. Die Gegenwart einer Person ist niemals getrennt von ihrer Zukunft, die mit antizipiert wird oder ihrer Vergangenheit, die in die Gegenwart hineinreicht. Mitunter an dieser Stelle kommt die Fotografie ins Spiel.

Die Fotografie scheint das zu tun, was wir nicht zu tun vermögen: Sie hält die Zeit an, friert einen flüchtigen Moment für immer ein. Genau in dieser Funktion des Momentfesthaltens begründen sich eine der Faszinationen für dieses Medium und die massenhafte Bilderproduktion im Alltag vieler Menschen. Die Fotografie wird zu einem Medium der Erinnerung, das die Zeit besiegt, sofern sie sonst verblassende Erlebnisse lebendig hält. Vielleicht sollte man genauer sagen, in der Hoffnung, dass die Fotografie ein Medium der Erinnerung ist. Fotografietheorien bezweifelten dies immer wieder. Siegfried Kracauer stellte eine irritierende Doppeldeutigkeit der Fotografie heraus. Indem das Foto einen Moment einfriert, bewahrt es tatsächlich eine Situation der Vergangenheit, hält sie in gewisser Hinsicht fest. Dadurch, dass das Foto jedoch etwas Lebendiges so festhält, dass es leblos – oder wie Kracauer sagt, gespenstisch – wirkt oder wird, vernichtet es jedoch gleichzeitig die Situationen, die es festzuhalten versucht. Ein Foto – zumindest ein einfacher Schnappschuss – meint, so der Theoretiker, anders als die Erinnerung nichts Bestimmtes mit dem, was es zeigt. Die Erinnerung selektiert, bringt Situationen oder Menschen in sinnvolle Zusammenhänge, in Kontinua. Das Foto hingegen zeigt schlicht und ergreifend einen isolierten Augenblick, eine raumzeitliche Situation, die losgelöst vom Kontext des Fotos kaum mehr Erinnerungswert enthält. Je älter ein Foto ist, desto mehr wird es nach Kracauer zu einem Gespenst. Abgebildete Personen werden zu Puppen, die uns befremden, da sie weniger an ihre lebendigen Vorbilder erinnern als mehr daran, dass die festgehaltene Situation vergangen, weit weg ist. Roland Barthes spitzt Kracauers These des Gespenstischen noch zu, indem er die Fotografie, das Objektivieren und Einfrieren von Lebendigem, eng mit dem Tod verknüpft und vertritt, dass sie das Erinnern sogar verhindern würde. Die menschliche Erinnerung ist dynamisch, kreativ. Sie behält keine immer gleich bleibenden, ‚toten’ Augenblicke, sondern schreibt sich im Laufe der Zeit immer wieder um, erneuert sich. Dass Fotos oft gerade nicht der Erinnerung entsprechen, hat schließlich auch mit dem zu tun, was Walter Benjamin das „optisch Unbewusste“ nennt: Da die Kamera die Fähigkeit besitzt, einen extrem kurzen Zeitpunkt aufzunehmen, den das bloße Auge gar nicht wahrnehmen kann, zeigt ein Schnappschuss oft etwas, das wir so gar nicht erlebt zu haben meinen. Somit hält die Kamera nicht einfach Erlebtes fest, sondern schafft auch neue Inhalte oder Bedeutungen.

Die Ausstellung ‚<!--Zeit-->‘ reflektiert auf sehr unterschiedliche Weise die Funktion der Fotografie bezogen auf die Zeit. In ihr finden unter anderem auch die beiden von Kracauer herausgestellten Pole der Fotografie Eingang, also die Fotografie als Medium, etwas zu bewahren, und die Problematisierung eben jener Idee. Veränderung, Verfall, Stillstand, Ewigkeit, Tod oder Identitätskonstruktion mittels Fotografie sind einige ihrer Themen.

Identitäten und deren Konstruktionen





Andrea Brehme
Andrea Brehme
Andrea Brehme

Drei Arbeiten der Ausstellung widmen sich durch eine künstlerische Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie dem Thema der biografischen Zeit. Die Arbeiten betonen dabei vor allem die Konstruktionen von Identitäten und hinterfragen dadurch auch die Möglichkeit einer einfachen Wiedererinnerung durch Fotografien. Andrea Brehmes Arbeit Maybeme ist eine solche fotografische Auseinandersetzung mit ihrer Autobiografie. Die Zusammenstellung verschiedener Bildmaterialien – wie Bilder aus ihrem Familienalbum, Passbilder, Schnappschüsse verschiedener Situationen und neu entstandene Fotos – wirft Schlaglichter auf ihr Leben als Kind, Jugendliche, Erwachsene. Durch das, was die Bilder gerade nicht zeigen, durch Lücken und Auslassungszeichen, wird die Betrachterin dazu aufgefordert, eine Identität zu konstruieren, zu überlegen, wer diese abgebildete Person ist. Die Auswahl teilweise fast archetypisch wirkender Fotografien ruft beim Betrachten zudem Erinnerungen bezogen auf das eigene Leben hervor und befragt Kategorien wie Individualität oder Authentizität. Mit vorwiegend symbolischer Bildsprache setzt sich auch Barbara Töpper-Fennel fotografisch mit ihrem Leben bzw. mit dem Thema biografischer Zeit auseinander. Montagen und Doppelbelichtungen schreiben die Zeitlichkeit in das fotografische Medium selbst ein, zeigen die Gleichzeitigkeit verschiedener Ereignisse und machen das Betrachten einzelner Bilder selbst zu einem zeitlich-kontinuierlichen Akt. Die Bilder erscheinen wie eine Suche des Selbst, eine Auseinandersetzung mit sich und seiner Vergangenheit als Teil einer größeren Geschichte, von der Frage geleitet, wie Identität entsteht und wie sie sich fassen lässt. Die dreiteilige Arbeit von Jan Großer beschäftigt sich mit der Konstruktion (homo)sexueller Identität. In humoristischen Bildern schickt er die Crisco Queen auf einen Trip durch Berlin. Crisco ist ein amerikanisches Bratenfett, das in den 1970er Jahren in der Schwulenszene als Gleitmittel verwendet wurde. Die Bilder zeigen oft gut bekannte, touristische, für Eingeweihte erotisch aufgeladene Orte und spielen mit Stereotypen einer schwulen Partyszene. Die intimen, mal expliziteren, mal zurückgenommeneren, teils zärtlichen Fotos fetischisierter Lust bilden hingegen einen Kontrapunkt zu klischierten Bildern der Szene. Das Zeigen von sonst nicht Gezeigtem, das Warten, Momente im Zwischen bekommen Raum.

Veränderung, Stillstand und Verfall. Verlassenes Berlin

Zeit und ihr Vergehen oder auch ihr scheinbarer Stillstand bildet sich räumlich ab. Während sich die Bewegung der Zeit in der Natur in den Jahreszeiten zeigt, so zeigt sie sich in Städten durch deren Veränderungen, durch Neu- oder Umbau oder Verfall. Städte offenbaren damit nicht nur ihr Jetzt, sondern auch ihre Vergangenheit und weisen in eine Zukunft. Berlin ist ein Symbol geworden für diese stete Wandlung urbanen Raums – und ist auch Thema mehrerer Arbeiten der Ausstellung. Vor allem Großstädte inspirierten in Film und Literatur immer wieder zu negativen Zukunftsutopien. Eine solche Utopie könnte auch Susanne Wolkenhauers Vision der Zukunft Berlins darstellen, die vermeintlich bereits vor über 100 Jahren fotografisch festgehalten wurde. Die Löcher an den Bildrändern, die die Fotos zu Kino-bildern machen, lassen die Betrachterin nach einer Narration suchen, die sich aber nicht leichterdings erschließt. Die langzeitbelichteten Panoramabilder wirken alt und vergilbt, zeigen ein menschenleeres Berlin, das gleichermaßen örtlich vertraut wie fremd, unheimlich, ja beklemmend ist. Wir betrachten die Stadt wie durch eine Blase – ein beunruhigender Traum, den wir nicht so recht deuten können und der Phantasien über Flucht, Krieg und Aussterben der Menschen in Gang setzt. Zwischen unfertig und schon verfallen präsentiert sich die Stadt in der Arbeit von Patricia Milch. Vergangenes und Zukünftiges machen die abgebildete Gegenwart aus, die selbst seltsam unbestimmt bleibt. Eine Zeit des Stillstands. Enge, ja klaustrophobische, oft verstellte Blicke zeigen Berlin als menschenleere Wüste aus Beton, Mauern, Wänden, Zäunen und Wohnhäusern, die man nicht bewohnen will. Als Betrachterin versucht man die Spuren in den Bildern zu lesen, die Zeichen zu deuten, doch der Zugang bleibt versperrt. Irgendetwas scheint hier passiert zu sein – aber wir wissen nicht, was. Auch hier fragt man sich: Ist Berlin ausgestorben? Versöhnlicher präsentiert sich die Arbeit von Konstanze Müller-Kitti. Sie widmet sich am augenscheinlichsten dem Thema des Verfalls, des Vergehens bzw. der Veränderung. Ein Berlin im Verschwinden – oder ein Berlin im Aufbruch. Es überwiegen Bilder von Ruinen, die von außen wie innen, aus der Nähe und im Detail oder von der Distanz aus gezeigt werden. Die Tableaus erscheinen wie ein Versuch, das Chaotische zu ordnen, das Vergangene festzuhalten. Sind die Bilder auch melancholisch und thematisieren sie Verlassenheit, so strahlen sie auf der anderen Seite eine stille Schönheit und Ruhe aus.

In der Zwischenzeit: nicht mehr, noch nicht

In der Zwischenzeit mache ich dieses oder jenes – eine von vielen Wendungen mit dem Begriff Zeit, die wir alltäglich nutzen. Die Zwischenzeit ist eine ungenutzte, unbedeutende Zeitspanne, die zwischen zwei Ereignissen liegt, denen wir mehr Aufmerksamkeit schenken. Eine Zeit, in der etwas nicht mehr ist, etwas anders aber noch nicht begonnen hat. Dieser Zeit in der Schwebe schenkt die Arbeit von Werner Meyer zu Ermgassen Aufmerksamkeit. Die Arbeit zeigt in dokumentarischer Bildsprache einen Friseursalon kurz vor seiner Schließung. Menschenleer mit veralteter Einrichtung und Ausstattung wirkt der Salon wie ein Museum, er wirkt, als würde er seine eigene Geschichte, seine Vergangenheit vorwegnehmen. Nur ein Eck mit Haarpflegeprodukten und Handtüchern lässt vermuten, dass in dem Salon noch gearbeitet wird. Die Fotos frieren den flüchtigen Moment ein, in dem ein Ort fast nicht mehr existiert und doch noch nichts anderes geworden ist. Erika Mors Arbeit zeigt eine ganz andere Zwischenzeit. Sie widmet sich dem Übergang zwischen Tag und Nacht – der blauen Stunde. Ihre Landschaftsbilder zeigen die gegensätzlichen Implikationen dieses kurzen Moments und heben sie auf eine symbolische Ebene. Die Weite, Schönheit und Klarheit der (aufkommenden) Nacht ist ebenso präsent wie deren Düsterheit, Enge und das Diffuse von ihr. Die Arbeit von Johannes Meyer schließlich zeigt einen Zwischenraum. Seine Aufnahmen entstanden im Naturpark Südgelände in Berlin Schöneberg, einem Park, der durchzogen ist von Gleisen eines ehemaligen, seit Jahrzehnten stillgelegten Rangierbahnhofs. In subjektiver Bildsprache zeigt Meyer die mit Moos und Pflanzen überwucherten Gleise, die zwar noch da sind, ihre ursprüngliche Funktion aber verloren haben. Die Arbeit thematisiert Vergänglichkeit wie Um- und Neunutzung und in diesem Sinn auch die zyklische Bewegung der Zeit als stetes Sein, Vergehen und Werden.

Grenzen der Zeit: Auflösung, Tod und Ewigkeit

Wenngleich die Zeit ohne Unterlass voranschreitet, so gibt es dennoch Grenzen der Zeit. Ewigkeit als transzendente Kategorie oder der Tod als Ende der Lebenszeit sind nur zwei Beispiele. Auch dieses Thema der Grenze findet Eingang in die Ausstellung. Intimität, Nähe und Vertrautheit zeichnen die poetischen Bilder von Loredana Mondora gleichermaßen aus wie Melancholie, Einsamkeit und Auflösung. Wenn mache Fotos geschossen werden, um die Erinnerung an geliebte Menschen zu erhalten, so zeigt die Arbeit von Mondora die Fragilität dieses Versuchs. Wie bei Porträts von Francis Bacon verwischen in den langzeitbelichteten Fotografien die Gesichter, sie verblassen, ähnlich inneren Bildern von Menschen, die wir lange nicht mehr gesehen haben. Die Arbeit wirft Fragen nach Subjektivität auf, nach der Unwiederbringlichkeit von Zeit, verblassender Erinnerung oder nach der Unpässlichkeit von dokumentarfotografischer Abbildung und eigenem Erleben. Auch Anna Homburgs Arbeit bewegt sich an den Grenzen der Zeit – und an der des Raums. Das Meer und die Weite des Horizonts, ein Weg mit einem Fluchtpunkt im Unendlichen, leere, diffus leuchtende Räume, die sich aufzulösen scheinen, ein Lichtstrahl, der an die Ausdehnung des Universums denken lässt und Menschen als Wesen anderer Sphären. Homburgs abstrakte und symbolische Fotografien sind ein experimenteller Ausdruck innerer Suchbewegungen und Bilder. Zeit und Raum verschränken sich in einander und lösen sich auf, gehen an ihre Grenzen. Die Bilder bleiben rätselhaft, bleiben als Negative, die sie sind, Spuren ihrer selbst. Rainer Menke beschäftigt sich mit dem Endpunkt der Zeit eines menschlichen oder auch tierischen Lebens: mit dem Tod. In verschiedenen Installationen, in denen (selbst gefertigte wie vorgefundene) Fotografie ein wichtiges Medium ist, beforscht er Themen wie Gefangenschaft, Folter, Todesstrafe, Töten, das Tierschlachten oder die irritierende Nähe von Erotik und Tod – und wirft viele Fragen auf. Wie dehnt oder verdichtet sich die Zeit für einen Menschen in einer Todeszelle, wie im kurzen Augenblick vor dem Tod? Menkes beunruhigenden, teils grausamen, oft verfremdeten Bilder konfrontieren die Betrachterin mit schwierigen Themen, ohne deren tatsächliche Unerfahrbarkeit zu verbergen.

Zeit.punkt_strich. Die Fotografie als Zeitpunkt, die Fotografie als Zeichen dafür, wie die Zeit verstreicht. ‚<!--Zeit-->‘ ist eine über weite Strecken melancholische, nachdenkliche Ausstellung an der Grenze von subjektiver und objektiver Zeit. Sie tastet sich, ohne feste Thesen formulieren zu wollen, an ein großes Thema heran und entwirft dabei ein subjektives Kaleidoskop dieses alltäglichen Rätsels Zeit.

Literatur:
  • Barthes, Roland: Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie. Frankfurt/M 1989.
  • Benjamin, Walter: Kleine Geschichte der Photographie. In: Ders.: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Frankfurt/M 1999; S. 45-64.
  • Geimer, Peter: Theorien der Fotografie zur Einführung. Hamburg 2009.
  • Kracauer, Siegfried: Die Photographie. In: Ders.: Das Ornament der Masse. Essays. Frankfurt/M 1963; S. 21-39.