noch bis zum 8. November in der Ausstellung „Reframed 26.1“
Die Arbeit „Anders als glücklich“ war 2017 Teil der Ausstellung „Von der Anwesenheit des Abwesenden“, Abschlussausstellung eines Projektkurses mit Thomas Michalak. In „Reframed 26.1“ zeigen wir seine Bilder gemeinsam mit Arbeiten von Rannveig Einarsdóttir, Gunda Güldner, Lothar Köhler, Birgit Nitsch, Nadja Rentzsch und Wilhelm Schünemann. Wie Arnon beinahe 10 Jahre später auf „Anders als glücklich“ und seine Zeit am Photocentrum zurückblickt, erfährst du in unserem E‑Mail-Interview.
Arnon Hampe stellt die Beziehung seiner Protagonist*innen zu ihrer unmittelbaren Umgebung dar. Die Fotografien seiner Arbeit „Anders als glücklich“ entstanden 2016 und 2017. Sie erinnern an frühe Arbeiten der subjektiven Dokumentarfotografie in Amerika.
Die namenlosen Personen auf den Fotografien werden nicht im klassischen Sinne porträtiert. Und doch begegnen wir ihnen mit zunehmender Intensität. Anders als in der stärker typologisierenden Straßenfotografie begegnen wir hier Individuen, denen wir nahekommen können, auch wenn wir ihre Namen nicht kennen. „Der Kapitalismus beinhaltet das Versprechen des individuellen Glücks“, schreibt Hampe über seine Arbeit. „Sichtbar wird dieses Versprechen aber erst in seiner Uneingelöstheit“, fährt er fort. „Wo Armut, Flucht, Krankheit, Depression oder Sucht das Leben beherrschen […], werden die Abwesenheit des Glücks, aber auch Spuren des Wunsches nach Veränderung, erkennbar.“
Noch bis zum 8.11.26. Donnerstag und Freitag von 16–20 Uhr, Samstag und Sonntag von 14:00–18:00 Uhr in der Fotogalerie Bethanien.
E-Mail-Interview mit Arnon Hampe
Was bringt dich dazu, zu fotografieren?
Fotografieren bedeutet für mich, die Welt in begrenzte Ausschnitte zu zerlegen und auf diese Weise reflektierbar zu machen.
Was interessiert dich an der Fotografie – was kann sie für dich, das andere Medien nicht können?
Das Medium der Fotografie bietet mir ein hohes Maß an Autonomie und Spontaneität. Zugleich lassen sich eigene Ideen und Konzepte auf die fotografierten Motive projizieren. Das ist für mich der eigentliche Prozess der Gestaltung, der also meine Innenwelt mit der Außenwelt zusammenbringt.
Wie bist du zum Photocentrum gekommen, und hat sich dort deine Sicht auf die Fotografie verändert?
Als ich Anfang der 2000er Jahre nach Berlin kam, bekam ich eine ältere analoge Spiegelreflexkamera geschenkt und wusste damit nicht umzugehen. Zunächst hat mich also die Beherrschung der Technik interessiert – und so habe ich nach erschwinglichen Möglichkeiten gesucht, mich näher mit den technischen Aspekten der analogen, später dann auch der digitalen Fotografie auseinanderzusetzen. So führte mich meine Recherche dann recht schnell zum Photocentrum. Die Verankerung im Kreuzberger Kiez, der niedrigschwellige Zugang und die geringen Kosten haben mich sofort angesprochen. Mein Zugang hat sich dann insofern verändert, als es in den Kursen am Photocentrum dann gar nicht um die Beherrschung der Technik, sondern insbesondere auch um subjektive kreative Zugänge und um die Geschichte der Fotografie ging. Das hat meine Perspektive auf Fotografie allgemein und meinen eigenen fotografischen Stil stark geprägt.
Wie sieht deine fotografische Praxis aus? Gibt es feste Routinen?
Seit einigen Jahren fotografiere ich fast nur noch mit dem Smartphone, da ich vorrangig spontan und en passant im öffentlichen Raum arbeite. Das Smartphone habe ich immer dabei, es ist ohne lange Vorbereitungszeit zu bedienen und benötigt kaum Platz.
Welcher Teil des fotografischen Prozesses stellt für dich die größte Herausforderung dar?
Die größte Herausforderung ist für mich nach wie vor der Prozess vom bearbeiteten Bild zum fertigen Druck: Farbräume, Farbprofile usw. sind mein persönlicher Endgegner.
Die Arbeit, die du in Reframed 26.1 zeigst, ist vor Jahren entstanden. Wie schaust du heute auf sie? Hat sich ihre Bedeutung für dich verändert?
Die Arbeit „anders als glücklich“ wurde 2017 im Rahmen eines Projektkurses von Thomas Michalak ausgestellt. Sie war von einer gewissen Melancholie und einer eher pessimistischen Perspektive auf die sozialen Probleme der Berliner Stadtgesellschaft geprägt. Die Fotos sind über einen längeren Zeitraum, an verschiedenen Orten und in verschiedenen Kontexten entstanden und wurden erst für die Ausstellung kompiliert. Die Ausweglosigkeit aus den Zwängen der kapitalistischen Verwertungslogik zu zeigen, stand bei der Auswahl im Vordergrund. Viele der zum Ausdruck kommenden Themen – Wohnungslosigkeit, Drogensucht – haben sich inzwischen noch einmal deutlich verschärft und insofern finde ich die Serie immer noch aktuell.
Heute würde ich von vornherein mit einem enger gefassten Thema im Kopf auf Motivsuche gehen. Ich würde nicht erst alles Mögliche fotografieren und dann in den Motiven nach Themen suchen, die mich beschäftigen und auf die ich aufmerksam machen möchte.
Woran arbeitest du gerade, und was hast du für 2027 geplant?
Seit 2024 arbeite ich an einem dokumentarischen Projekt über die informelle politische Kommunikation zum Nahostkonflikt im öffentlichen Raum Neuköllns/Kreuzbergs. Die Motive sind Graffiti, Tags, Sticker, Plakate, stille Diskussionen usw., die ich auf serielle Weise fotografiere und dann thematisch archiviere.
Teile des Archivs möchte ich im Jahr 2027 ausstellen und in einem Foto-/Textbuch einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen. Gelegentlich kehren ausgedruckte Serien aus dem Archiv an den Ort ihrer Entstehung, also in den öffentlichen Raum, zurück und intervenieren somit in den Diskurs über den Konflikt.
Zudem arbeite ich in meinem Beruf als politischer Bildner mit dem von mir selbst gesammelten und geordneten Material. Auch hier ist eine Veröffentlichung in Vorbereitung und sucht derzeit nach einer Finanzierungsmöglichkeit.
Was war eine wichtige Erkenntnis aus deiner Zeit am Photocentrum – für deine Fotografie oder darüber hinaus?
Die wichtigsten Erkenntnisse aus den Jahren am Photocentrum waren zum einen, dass man kein_e Berufsfotograf_in sein muss, um sich künstlerisch-fotografisch ausdrücken zu können. Zum Anderen, dass es Zeit und Übung benötigt, eine eigene fotografische Handschrift zu entwickeln.
Was würdest du jemandem raten, der oder die gerade am Photocentrum mit der Fotografie beginnt?
Ich würde der Person raten, intuitiv an die Sache heranzugehen und sich zunächst Zeit zum Experimentieren zu nehmen. Also vielleicht sowohl analoge als auch digitale Fotografie zu erlernen und sich dann auf ein Medium und ein oder zwei Genres zu konzentrieren und sich hier dann gezielt weiterzuentwickeln.
Wenn du dich nicht mit Fotografie ausdrücken könntest: Welches andere Medium würdest du wählen?
Könnte ich nicht fotografieren, würde ich mich vermutlich stärker auf das, für mich aber weit schwieriger zu beherrschende, Medium des geschriebenen Wortes fokussieren.
(Die Fragen stellte Thomas Michalak)
Biografie
Arnon Hampe kam 2001 zum Studium der Politikwissenschaft und zum Entdecken nach Berlin und belegte wenig später am Photocentrum der VHS Friedrichshain-Kreuzberg die ersten Kurse in künstlerischer Fotografie bei Thomas Michalak. Entsprechend seiner Prägung durch linke politische Theorie interessiert ihn besonders, wie sich gesellschaftliche und ökonomische (Ungleichheits-)Verhältnisse in den porträtierten Menschen und ihrer unmittelbaren Umgebung abbilden. Sein künstlerischer Stil bewegt sich zwischen teilnehmender Beobachtung, Milieustudie, subjektiver Dokumentation und Straßenfotografie.
Sein aktuelles Fotoprojekt „Love Fuck Israel Love“ beobachtet, dokumentiert und interveniert in die informelle politische Kommunikation über den Nahostkonflikt im öffentlichen Raum Neuköllns/Kreuzbergs.
P.S. Auf der Website zur Ausstellung Von der Anwesenheit des Abwesenden von 2017, kannst du den Katalog durchblättern.
Bildquellen
- Arnon Hampe, aus Anders als glücklich, 2017, 1: Foto: Arnon Hampe
- Arnon Hampe, aus Anders als glücklich, 2017, 3: Foto: Arnon Hampe
- Arnon Hampe, aus Anders als glücklich, 2017, 5: Foto: Arnon Hampe
- Arnon Hampe, aus Anders als glücklich, 2017, 6: Foto: Arnon Hampe
- Arnon Hampe, aus Anders als glücklich, 2017, 3: Foto: Arnon Hampe
- Arnon Hampe, aus Anders als glücklich, 2017, 2: Foto: Arnon Hampe