Rannveig Einarsdottir, Szenen der Vergangenheit, 2017

Ein Mechaniker beugt sich in einer Werkstatt über die geöffnete Motorhaube eines Autos, um den Motor zu überprüfen. (KI generierte Beschreibung)

Szenen der Vergangenheit

Nachdem Hilmar 42 Jahre lang in diesem Haus gelebt hatte, musste er es wegen der Krankheit seiner Frau verlassen. Nun kommt er jeden Tag wieder hierhin, um seinen Erinnerungen nachzuhängen. Alles ist unverändert geblieben. Die Vergangenheit ist greifbar nah und allgegenwärtig. Gegenstände, Bilder und Möbel erwecken die Ereignisse seines Lebens aufs Neue. Hilmar wird zum Betrachter von Szenen seiner Vergangenheit.

In seiner Autowerkstatt ist kaum noch Leben. Die alte Ordnung ist nicht mehr da; es fehlen Werkzeuge, und Autoteile liegen herum. Die Werkzeuge und Autoteile sind dort als stille Zeugen dessen, was einmal war. Sein Gemütszustand spiegelt sich in jedem Teil wieder.

Im Dezember 2022 riss ein Erdrutsch sein Haus – und etliche andere – mit sich ins Meer. Im darauffolgenden Sommer fuhr er mit seinem Wohnmobil los, um all seine Freunde zu besuchen, und verabschiedete sich von ihnen. Zwei Tage nach seiner Rückkehr starb er.

E-Mail-Interview mit Rannveig Einarsdottir

Was bringt dich dazu, zu fotografieren?

Es war und ist faszinierend, Momente und Gefühle festzuhalten. Durch Bilder kann ich Gefühle sichtbar machen und ausdrücken, für die mir die Worte fehlen. Das Fotografieren bringt mich dem Motiv näher – auf eine Weise, die mir sonst verwehrt bliebe.

Was interessiert dich an der Fotografie – was kann sie für dich, das andere Medien nicht können?

Ein Foto enthält einen Moment, in den ich eintauchen kann, und es eröffnet mir vielfältige Möglichkeiten des Verstehens.

Wie bist du zum Photocentrum gekommen, und hat sich dort deine Sicht auf die Fotografie verändert?

Eine Bekannte hat mir vom Photocentrum erzählt. Schon der allererste Kurs hat für mich alles verändert. Es war im Grunde das Wesen der Fotografie – etwas, das ich zuvor nicht verstanden hatte –, das für mich eine so große Bedeutung bekam.

Wie sieht deine fotografische Praxis aus? Gibt es feste Routinen?

Ich habe keine Routine, sondern Phasen, in denen ich tief in das Geschehen hineingehe.

Welcher Teil des fotografischen Prozesses stellt für dich die größte Herausforderung dar?

Manchmal ist es die Nähe, die ich mir wünsche und die ich benötige, um Menschen zu fotografieren.

Die Arbeit, die du in Reframed 26.1 zeigst, ist vor Jahren entstanden. Wie schaust du heute auf sie? Hat sich ihre Bedeutung für dich verändert?

Die Bedeutung hat sich nicht geändert, aber es gibt einige Dinge, die ich heute anders machen würde.

Woran arbeitest du gerade, und was hast du für 2027 geplant?

Ich arbeite weiterhin mit einer Roma-Familie in Bosnien zusammen. Ein weiterer Schwerpunkt meiner Arbeit ist der Alterungsprozess. Derzeit fotografiere ich einen alten Freund, der im Sterben liegt. Zudem arbeite ich seit zwei Jahren an einer Porträtserie über eine ältere Frau – ein Projekt, das die Form einer inszenierten Dokumentation annimmt.

Was war eine wichtige Erkenntnis aus deiner Zeit am Photocentrum – für deine Fotografie oder darüber hinaus?

Vieles, aber es ist schwer, etwas genau zu nennen. Eine wichtige Erkenntnis war für mich, dass ich das Wesen der Fotografie vorher vielleicht gar nicht verstanden hatte. Erst im Laufe meiner Zeit am Photocentrum habe ich angefangen, zu begreifen, was Fotografie für mich bedeuten kann. Dass es nicht nur darum geht, etwas zu zeigen oder festzuhalten, sondern auch darum, eine eigene Wahrnehmung zu entwickeln, Fragen zu stellen und Dinge zu entdecken, die ich vorher vielleicht nicht gesehen habe. Ich glaube, dass sich dadurch nicht nur meine Vorstellung von Fotografie
verändert hat, sondern auch mein Blick auf die Welt und auf mich selbst. Ich habe gelernt, dass ich nicht immer vorher wissen muss, wonach ich suche, und sich die Bedeutung einer Arbeit manchmal erst im Prozess erschließt.

Was würdest du jemandem raten, der oder die gerade am Photocentrum mit der Fotografie beginnt?

Es gibt vieles – es ist schwer, nur eine einzige Sache herauszugreifen. Aber das Photocentrum bietet die Möglichkeit, herauszufinden, wo die eigenen Interessen liegen und wo sich das eigene Potenzial sowie die eigene Kreativität verbergen könnten. Es ist sinnvoll, eine Vielzahl unterschiedlicher Kurse zu belegen.

Wenn du dich nicht mit Fotografie ausdrücken könntest: Welches andere Medium würdest du wählen?

Das weiß ich nicht.

(Die Fragen stellte Thomas Michalak)

Biografie

Rannveig Einarsdóttir stammt aus Island und lebt jetzt seit einiger Zeit in Berlin. In London studierte sie Sozialpsychologie und absolvierte eine Zusatzausbildung als Mediatorin und Familienberaterin. Jahrelang leitete sie ein Institut für Erwachsenenbildung in Island. Am Photocentrum der VHS Friedrichhain-Kreuzberg hat sie einen Abschluss in künstlerischer Fotografie gemacht. Ihr fotografischer Schwerpunkt liegt auf Portraits sowie der Dokumentation von Menschen und deren Lebenswelten.

Rannveig Einarsdottir – Photowork

Bildquellen

  • Rannveig Einarsdottir, Szenen der Vergangenheit, 2016/2017: Foto: Rannveig Einarsdottir
  • Rannveig Einarsdottir, Szenen der Vergangenheit, 2016/2017: Foto: Rannveig Einarsdottir
  • Rannveig Einarsdottir, Szenen der Vergangenheit, 2016/2017: Foto: Rannveig Einarsdottir
  • Rannveig Einarsdottir, Szenen der Vergangenheit, 2016/2017: Foto: Rannveig Einarsdottir
  • Rannveig Einarsdottir, Szenen der Vergangenheit, 2016/2017: Foto: Rannveig Einarsdottir
  • Rannveig Einarsdottir, Szenen der Vergangenheit, 2016/2017: Foto: Rannveig Einarsdottir
  • Rannveig Einarsdottir, Szenen der Vergangenheit, 2016/2017: Foto: Rannveig Einarsdottir
  • Rannveig Einarsdottir, Szenen der Vergangenheit, 2016/2017: Foto: Rannveig Einarsdottir
  • Rannveig Einarsdottir, Szenen der Vergangenheit, 2016/2017: Foto: Rannveig Einarsdottir
  • Rannveig Einarsdottir, Szenen der Vergangenheit, 2016/2017: Foto: Rannveig Einarsdottir
  • Rannveig Einarsdottir, Szenen der Vergangenheit, 2016/2017: Foto: Rannveig Einarsdottir