Nadja Rentzsch „Persona“, 2013

Eine Person, die eine Halskette aus stacheligen Rosskastanienschalen trägt. (KI generierte Beschreibung)

noch bis zum 8. November in der Ausstellung „Reframed 26.1“

Die Arbeit „Persona“ war 2013 Teil der Ausstellung „Schauplatz – Inszenierte Fotografie“, Abschlussausstellung eines Projektkurses mit Peter Fischer-Piel. In „Reframed 26.1“ zeigen wir ihre Bilder gemeinsam mit Arbeiten von Rannveig Einarsdóttir, Gunda Güldner, Arnon Hampe, Lothar Köhler, Birgit Nitsch und Wilhelm Schünemann. Wie Nadja Rentsch heute über ihre Arbeit denkt, wie sie auf ihre Zeit am Photocentrum zurückblickt und warum sie Fotografie als Medium benutzt, erfährst du im E‑Mail-Interview.

Mit dem Titel „Persona“ bezieht sich Nadja Rentzsch auf ein Konzept aus dem antiken griechischen Theater: Die Rolle, die ein Schauspieler verkörperte, wurde durch eine Maske ausgedrückt. In dem Moment, als die Maske angelegt wurde, verschwand die Identität der Schauspielenden. Anders als im antiken Vorbild verweisen die Gegenstände, die die Fotografin ihren Protagonist*innen an die Hand gibt, auf eine Rolle im Leben und auf eine Seite im Fühlen der porträtierten Personen. Sie werden zum Indiz, Symbol oder Zeichen einer selbst gewählten und so zum Ausdruck gebrachten Identität.

Noch bis zum 8.11.26. Donnerstag und Freitag von 16–20 Uhr, Samstag und Sonntag von 14:00–18:00 Uhr in der Fotogalerie Bethanien.

E-Mail-Interview mit Nadja Rentzsch

Was bringt dich dazu, zu fotografieren?

Die Fotografie ist für mich ein Medium, um mich auszudrücken und meine Wahrnehmung der Welt in Bilder zu übersetzen. Mich interessiert, was meine Aufmerksamkeit auf sich zieht, was mich berührt oder zum Nachdenken bringt und wie daraus eine eigene Bildsprache entstehen kann.

Was interessiert dich an der Fotografie – was kann sie für dich, das andere Medien nicht können?

Mich interessiert an der Fotografie die Möglichkeit, Motive aus ihrem vertrauten Kontext zu lösen und durch Inszenierung neue Bedeutungsebenen zu schaffen. In meinen konzeptionellen Bildserien nutze ich die Fotografie, um gewohnte Sichtweisen zu hinterfragen und neue Perspektiven auf vertraute Verhaltens- und Denkmuster zu eröffnen. Dabei reizt mich besonders, dass Bilder unsere Wahrnehmung verändern und dazu anregen können, Dinge neu zu betrachten.

Wie bist du zum Photocentrum gekommen, und hat sich dort deine Sicht auf die Fotografie verändert?

Als ich anfing, mich intensiver mit Fotografie zu beschäftigen, wollte ich sowohl die technischen Grundlagen erlernen als auch ihre Möglichkeiten als künstlerisches Ausdrucksmittel kennenlernen. Da ein Studium für mich zeitlich nicht infrage kam, suchte ich nach einer berufsbegleitenden Möglichkeit und fand so das Photocentrum.

Durch die zahlreichen Kurse und die kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem Medium hat sich mein Blick auf die Fotografie deutlich verändert. Ich habe gelernt, genauer hinzusehen, fotografische Konzepte besser zu verstehen und Bilder bewusster und kritischer zu betrachten. Außerdem habe ich mich darin weiterentwickelt, eigene Ideen konzeptionell auszuarbeiten und in zusammenhängende Bildserien zu übersetzen. So hat sich nicht nur mein Verständnis für die gestalterischen Möglichkeiten der Fotografie vertieft, sondern auch mein eigener künstlerischer Ausdruck weiterentwickelt.

Wie sieht deine fotografische Praxis aus? Gibt es feste Routinen?

Meine fotografische Praxis ist geprägt von der intensiven Auseinandersetzung mit einem Thema. Ich betrachte es aus unterschiedlichen Perspektiven, entwickle Ideen für die visuelle Umsetzung, verwerfe Ansätze und arbeite sie weiter aus, bis ich eine Form gefunden habe, die mich inhaltlich und visuell überzeugt. Feste Routinen gibt es dabei nicht; vielmehr probiere ich verschiedene Möglichkeiten aus, um eine passende Bildsprache für das jeweilige Thema zu entwickeln.

Ein wichtiger Bestandteil meiner künstlerischen Praxis ist die Meisterklasse bei dem Fotografen und Künstler Ludwig Rauch. In unseren monatlichen Treffen besprechen wir unsere Arbeiten. Besonders schätze ich seine Fähigkeit, die individuellen Stärken und künstlerischen Potenziale jedes Einzelnen zu erkennen und gezielt zu fördern. Er eröffnet neue Perspektiven und fordert uns heraus, unsere Arbeit weiterzuentwickeln. Der Austausch hilft mir, meine Konzepte zu schärfen und meine künstlerische Position zu festigen.

Übrigens sind seine Arbeiten noch bis zur Finissage am 8. November in der Ausstellung „Bevor es einen Namen hat“ im Kunstraum Potsdam zu sehen.

Welcher Teil des fotografischen Prozesses stellt für dich die größte Herausforderung dar?

Die größte Herausforderung ist für mich eindeutig der Beginn eines Projekts. In dieser frühen Phase befinde ich mich in einem offenen Suchprozess: Ich entwickle Ideen, probiere unterschiedliche Ansätze gedanklich aus, verwerfe sie wieder und suche nach einer passenden visuellen Umsetzung für das Thema. Es ist ein Prozess, in dem vieles zunächst noch unklar ist und sich die eigentliche Richtung erst nach und nach herausbildet. Das empfinde ich einerseits als herausfordernd, andererseits aber auch als besonders spannend, weil noch vieles möglich ist und sich neue Ideen und Perspektiven entwickeln können.

Die Arbeit, die du in Reframed 26.1 zeigst, ist vor Jahren entstanden. Wie schaust du heute auf sie? Hat sich ihre Bedeutung für dich verändert?

Die Serie ist vor mehr als zehn Jahren entstanden. Seitdem habe ich mich künstlerisch weiterentwickelt. Trotzdem sehe ich die Arbeit heute noch gerne – besonders ihren feinen Humor, der für mich auch mit zeitlichem Abstand nichts von seinem Reiz verloren hat.

Entstanden ist die Serie im Projektkurs „Inszenierte Fotografie“ bei Peter Fischer-Piel, der meine künstlerische Entwicklung nachhaltig geprägt hat. Ich bin ihm bis heute dankbar für seine fachliche Unterstützung, seine inspirierende Herangehensweise und die wertschätzende, konstruktive Vermittlung. Er hat mich ermutigt, eigene Ideen zu entwickeln, konsequent weiterzuverfolgen und kritisch zu reflektieren.

Mit zeitlichem Abstand ist die Serie für mich auch eine Erinnerung an einen wichtigen Abschnitt meiner künstlerischen Entwicklung und an die Menschen, die mich dabei begleitet haben.

Woran arbeitest du gerade, und was hast du für 2027 geplant?

Aktuell arbeite ich an einer Serie, die sich in der finalen Phase befindet. Dabei beschäftige ich mich vor allem mit der Frage, wie sich die Arbeit im Ausstellungsraum am besten präsentieren lässt und welche Hängung und Anordnung die Bildserie in ihrer Wirkung unterstützen.

Parallel dazu beginne ich eine neue Serie und befinde mich gerade in der spannenden, zugleich offenen Anfangsphase. Ich entwickle erste Ideen, lote verschiedene Ansätze aus und suche nach einer visuellen Umsetzung, die dem Thema gerecht wird. Diesen Prozess möchte ich 2027 weiterführen und die neue Arbeit Schritt für Schritt konkretisieren.

Was war eine wichtige Erkenntnis aus deiner Zeit am Photocentrum – für deine Fotografie oder darüber hinaus?

Während meiner Zeit am Photocentrum wurde mir noch einmal deutlich, wie viel Ausdauer, Disziplin und Offenheit für konstruktive Kritik die Entwicklung einer künstlerischen Arbeit erfordern. Entscheidend ist, die eigenen Ideen konsequent weiterzuentwickeln und die Arbeit immer wieder zu hinterfragen.

Wie lohnend dieser Prozess sein kann, habe ich 2013 erlebt, als ich im Rahmen des Projektkurses bei Peter Fischer-Piel an der erfolgreichen Ausstellung „Schauplatz – Inszenierte Fotografie“ im Studio I im Kunsthaus Bethanien teilnahm.

Besonders schätzte ich den hohen künstlerischen Anspruch der Projektkurse, wie etwa auch bei Ebba Dangschat mit ihrem Kurs „Assoziatives Sehen“. Im Mittelpunkt stand nicht allein die Erweiterung fotografischer Fähigkeiten, sondern die Entwicklung einer eigenständigen künstlerischen Position und deren konzeptionell fundierte, künstlerisch überzeugende und professionelle Präsentation.

Was würdest du jemandem raten, der oder die gerade am Photocentrum mit der Fotografie beginnt?

Mein Rat wäre, möglichst viel auszuprobieren und Kurse bei unterschiedlichen Dozentinnen und Dozenten zu besuchen. Ich selbst habe bei vielen verschiedenen Lehrenden gelernt, unter anderem bei dir, Thomas, und bei Klaus W. Eisenlohr. Aus jedem Kurs konnte ich etwas für meine eigene künstlerische Entwicklung mitnehmen. Die unterschiedlichen Perspektiven und Herangehensweisen empfinde ich als besonders bereichernd.

Wichtig finde ich auch, sich mit der Geschichte der Fotografie auseinanderzusetzen. Der Kurs bei Enno Kaufhold, einem renommierten Fotohistoriker und Fotografen, hat mir wertvolle Einblicke vermittelt. Ich kann daher nur empfehlen, neben der eigenen fotografischen Praxis auch die historische und theoretische Auseinandersetzung mit dem Medium zu suchen.

Wenn du dich nicht mit Fotografie ausdrücken könntest: Welches andere Medium würdest du wählen?

Bevor ich zur künstlerischen Fotografie fand, beschäftigte ich mich mit Bildhauerei. Wenn ich mich nicht mehr fotografisch ausdrücken könnte, würde ich vermutlich zu diesem Medium zurückkehren. Mich fasziniert, wie ich dort durch die Arbeit mit dem Material und die Gestaltung von Formen meine Ideen auf eine andere Weise zum Ausdruck bringen kann.

Im Moment kann ich mir allerdings kaum vorstellen, auf die Fotografie zu verzichten. Sie ist zu meiner eigenen künstlerischen Sprache geworden, und ich bin gespannt, welche neuen Ideen und künstlerischen Arbeiten sich daraus in Zukunft entwickeln werden.

(Die Fragen stellte Thomas Michalak.)

Biografie

Nadja Rentzsch arbeitet im Bereich der konzeptionellen Fotografie. In ihren Bildserien stellt sie vertraute Verhaltens- und Denkmuster durch Inszenierungen in neue Zusammenhänge und eröffnet so ungewohnte Perspektiven. Ihre fotografische Ausbildung vertiefte sie u. a. am Photozentrum. Aktuell ist sie Meisterschülerin bei Ludwig Rauch.

Ihre Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen gezeigt, darunter „Anatomie des Verborgenen“ (Potsdam, 2026), „Never be sure“ (Hildesheim, 2025) und „Der sechste Sinn“ (Kunstraum Potsdam, 2023) sowie „Schauplatz“ (Kunstquartier Bethanien, Berlin, 2013) unter der künstlerischen Leitung von Peter Fischer-Piel. Ihre fotografischen Projekte erschienen außerdem in Ausstellungskatalogen und Fotobüchern, darunter „Der andere Blick“ (2012) unter der künstlerischen Leitung von Ebba Dangschat, sowie in der Porträtserie „Weitergeben – Zeitzeugenporträts“ für das Jüdische Museum Berlin.

https://nadjarentzsch.com/

Bildquellen

  • Nadja Rentzsch, aus Persona, 2013: Foto: Nadja Rentzsch
  • Nadja Rentzsch, aus Persona, 2013: Foto: Nadja Rentzsch
  • Nadja Rentzsch, aus Persona, 2013: Foto: Nadja Rentzsch
  • Nadja Rentzsch, aus Persona, 2013: Foto: Nadja Rentzsch
  • Nadja Rentzsch, aus Persona, 2013: Foto: Nadja Rentzsch