Wilhelm Schünemann beschäftigt sich in seiner Arbeit „Die im Dunkeln“ mit Orten im Zentrum Berlins, an denen sich politische und wirtschaftliche Macht konzentriert. Er sucht jedoch keine repräsentativen Regierungsbauten auf, sondern Dependancen und Lobbybüros von Wirtschaftsvertretern und Interessenverbänden. Im Gegensatz zu den Selbstaussagen der Verbände, die Schünemann am unteren Bildrand zitiert, bleibt das Handeln der dort tätigen Personen unsichtbar und ist oft auch demokratischer Kontrolle entzogen. Diese Intransparenz wird zum formalen Motiv seiner fotografischen Auseinandersetzung mit dem Thema.
Die Arbeit entstand 2015 im Rahmen des Projektkurses „Metropolis“ mit Ebba Dangschat. 2017 wurde sie beim Europäischen Architekturfotografie-Preis zum Thema „Grenzen | Borders“ mit dem zweiten Preis ausgezeichnet.
Noch bis zum 8.11.26. Donnerstag und Freitag von 16–20 Uhr, Samstag und Sonntag von 14:00–18:00 Uhr in der Fotogalerie Bethanien.
E-Mail-Interview mit Wilhelm Schünemann
Was bringt dich dazu, zu fotografieren?
Ich fotografiere seit meiner Jugend. Ich habe damals gemeinsam mit einem Freund damit begonnen. Wir haben viel gemeinsam fotografiert, in der Dunkelkammer entwickelt und vergrößert und festgestellt, wie unterschiedlich wir die Welt sehen und abbilden. Das macht mir immer noch Freude. Ich habe Freude an den Bildern, die dabei entstehen, an der Technik (Blende? Zeit?) und auch daran, wie sich die Fotografie und unsere Wahrnehmung im Laufe der Zeit verändern.
Was interessiert dich an der Fotografie – was kann sie für dich, das andere Medien nicht können?
Mich interessiert die Frage, wie ich die sichtbare und die unsichtbare Welt auf einem Bild zusammenbringen kann. Mir gefällt, dass Fotos zum Erinnern und Erzählen dienen, dass Fotos Veränderungen in der Zeit darstellen können.
Wie bist du zum Photocentrum gekommen, und hat sich dort deine Sicht auf die Fotografie verändert?
Ich habe das Photocentrum entdeckt, als ich dort an einem eher technischen Kurs über Farbmanagement teilgenommen habe, und war begeistert von der Qualität und Bandbreite der Ausbildung dort. Seitdem habe ich an zahlreichen Kursen teilgenommen. Durch die vielen Menschen mit ihren unterschiedlichen Beiträgen ist mein Zugang zur Fotografie offener geworden.
Wie sieht deine fotografische Praxis aus? Gibt es feste Routinen?
Ich habe keine festen Routinen und auch nicht ständig eine Kamera bei mir. Zumeist fotografiere ich gezielt für ein bestimmtes Projekt.
Welcher Teil des fotografischen Prozesses stellt für dich die größte Herausforderung dar?
Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, so ist es auch bei fotografischen Projektideen. Diesen Zauber zu bewahren und dem Thema eine Kontur zu geben, finde ich die größte Herausforderung. Im weiteren Verlauf das Anfotografieren, um herauszufinden, ob und wie das Thema in Bildern visuell funktioniert.
Die Arbeit, die du in Reframed 26.1 zeigst, ist vor Jahren entstanden. Wie schaust du heute auf sie? Hat sich ihre Bedeutung für dich verändert?
Für mich selbst hat sich die Bedeutung nicht verändert, ich blicke immer noch genauso auf das Thema Lobbyismus wie vor 11 Jahren. Aber die Welt hat sich verändert und auch die Sicht darauf. So hat sich z. B. Donald Trump im Wahlkampf zu seiner ersten Präsidentschaft als Gegner des Establishments inszeniert und in dem Zusammenhang Lobbyismus kritisiert. Ich fand mich plötzlich in schlechter Gesellschaft wieder, für mich eine unmittelbare Erfahrung von der Umdeutung meiner eigenen Überzeugungen und der Verunsicherung, die daraus entsteht.
Woran arbeitest du gerade, und was hast du für 2027 geplant?
Zurzeit nehme ich an einem Projektkurs zum Thema „Der fragende Blick“ teil. Die Arbeiten daraus werden 2027 ausgestellt.
Was war eine wichtige Erkenntnis aus deiner Zeit am Photocentrum – für deine Fotografie oder darüber hinaus?
Meine wichtigste Erfahrung ist, wie bereichernd ein zugleich anspruchsvolles und niederschwelliges Bildungsangebot sein kann.
Was würdest du jemandem raten, der oder die gerade am Photocentrum mit der Fotografie beginnt?
Ich rate, viel auszuprobieren und die zahlreichen Möglichkeiten zu nutzen. Aber vor allem empfehle ich die Teilnahme an den Projektkursen oder Klassen, wo fotografische Projekte entwickelt, gemeinsam diskutiert und bis hin zur Ausstellung weitergeführt werden.
Wenn du dich nicht mit Fotografie ausdrücken könntest: Welches andere Medium würdest du wählen?
Ich habe in meinem Studium das Zeichnen schätzen gelernt, aber anschließend nicht weiter verfolgt. Ich würde daran anknüpfen.
(Die Fragen stellte Thomas Michalak)
Biografie
Wilhelm Schünemann fotografiert seit den 1980er-Jahren, mit wechselnder Intensität und einem besonderen Augenmerk auf Architektur und die gebaute Umwelt. Nach einer Tischlerlehre studierte er Innenarchitektur an der Fachhochschule für Kunst und Design in Hannover. Seit rund 30 Jahren lebt und arbeitet er in Berlin.
Wilhelm Schünemann | Fotografie – Architektur | urbane Räume
Bildquellen
- Wilhelm Schünemann, „Die im Dunkeln“, 2013: Foto: Wilhelm Schünemann, 2013
- Wilhelm Schünemann, „Die im Dunkeln“, 2013: Foto: Wilhelm Schünemann, 2013
- Wilhelm Schünemann, „Die im Dunkeln“, 2013: Foto: Wilhelm Schünemann, 2013
- Wilhelm Schünemann, „Die im Dunkeln“, 2013: Foto: Wilhelm Schünemann, 2013